Ernährungsrat Kiel
 

Unser Ziel für Kiel:
Ernährung so gesund, regional und natürlich wie möglich

Hintergrundinformationen zu Ernährungsräten
in Deutschland und weltweit

Unsere Ernährung ist in hohem Maße konzentriert, globalisiert und an den Bedürfnissen der Städte orientiert und das Ernährungssystem ist in vielerlei Hinsicht krank. Städte als Hauptprofiteure dieser Entwicklung, können und müssen einen wichtigen Beitrag leisten, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Die wachsende Zahl an Ernährungsräten weltweit und in Deutschland entspringt dem Wunsch und der Bereitschaft der Zivilgesellschaft mehr Verantwortung für dieses lebenswichtige Thema zu übernehmen. Sie wollen mit ihrer Arbeit dazu beitragen eine naturverträgliche Landwirtschaft in ihrer Region zu stärken, Stadt und Land ins Gespräch zu bringen, wo immer möglich die Ernährungssicherheit und -souveränität zu stärken sowie eine ausreichende und möglichst gesunde Ernährung für alle sicherzustellen.

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Denn: Die Landwirtschaft, die Lebensmittelindustrie und der Handel haben sich seit Jahrzehnten immer weiter industrialisiert. Die Konzentrationsprozesse haben extreme Ausmaße angenommen. Agrar-, Chemie-, und Finanzindustrien nehmen immer größeren Einfluss. Nahrungsmittel und Boden sind Spekulationsobjekte geworden. Immer mehr Menschen leiden an ernährungsbedingten Erkrankungen (Über- und Unterernährung, Ernährungsfehler). Jede zweite Geflügelprobe war 2016 mit Resistenten Keimen verseucht. Vom Tier Leid, das mit dieser Ernährungsindustrie verbunden ist, ganz zu schweigen.

Der Anteil der Importe an Futtermitteln ist stetig gewachsen und befeuert die Exporte der hoch subventionierten europäischen Lebensmittel in alle Welt. Dies trägt zur Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen in Afrika und Asien bei, führt zu Landflucht und Migration.

Der Anteil der Landwirtschaft an den C02 Emissionen – vor allem in Folge der hohen Fleisch- und Milchproduktion ist ein großes und immer noch wachsendes Problem. Die Industrialisierung der Landwirtschaft ist mit einer Belastung der Böden und des Grundwassers verbunden und ist einer der Hauptgründe für das Aussterben von Tieren, Pflanzen und Insekten.

Die ersten Ernährungsräte wurden in den 80er Jahren in den USA gegründet. Heute gibt es weltweit bereits viele Hundert Ernährungsräte (Food Policy Councils (FPCs) – ) in denen sich BürgerInnen und NGOs oft gemeinsam und unterstützt durch ihre Kommunen und Regionen für eine Ernährungswende einsetzen.

Die meisten sind zivilgesellschaftlich organisiert, in einem weiteren Teil arbeiten Kommunen und Regierungen mit. Rund 20 % wurden von Kommunen oder Regierungen gegründet. Die meisten werden mit öffentlichen Geldern, privaten Sachspenden oder Sachmitteln unterstützt. Sie arbeiten für eine Regionalisierung der Ernährung, gesunde Nahrungsangebote für alle, eine bessere Information über Herkunft und Qualität der Produkte, die Bedingungen unter denen sie hergestellt werden. Sie vernetzen Stadt und Land und bringen Konsumenten und Produzenten in einen Austausch. Sie setzen sich für eine naturverträgliche und wo möglich bäuerliche Landwirtschaft und eine möglichst schonende handwerkliche, regionale Weiterverarbeitung, bemühen sich um eine gesunde Versorgung der Kinder in Kindergärten und Schulen, bekämpfen die Verschwendung von Lebensmitteln, machen sich für Bauernmärkte stark, grüne Kiste oder solidarische Landwirtschaft. Das dies im Interesse der BürgerInnen ist, belegt auch der jüngste Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministers, denn er stellt fest: 74 % aller Deutschen beim Einkauf auf Regionalität achten. Und drei von vier Konsumenten bereit wären, für regionale Lebensmittel mehr zu bezahlen.

Gerade in Kiel erscheint es uns möglich, sich in hohem Maße nicht nur mit regionalen, sondern auch mit gesunden und naturverträglich erzeugten Lebensmitteln zu ernähren. Kiel ist umgeben von landwirtschaftlich genutzten Flächen, hat das Meer vor der Tür und ist reich an Seen. Ein Blick in die Supermarktregale, auf die Speisekarten von Großküchen und Restaurants spiegelt diesen natürlichen Reichtum und Vorteil der Lage der Stadt sehr oft nicht wieder. Wir gehen davon aus, dass eine stärkere Vernetzung und die Förderung einer gesunden und regionalen Ernährung in der Lage ist, einen vielfältigen Nutzen zu stiften und dass von Kiel Impulse ins Umland ausgehen können, die vielen Menschen und der Natur dienen.

Wir wissen, dass sich die meisten Menschen für ihre Ernährung interessieren und sich gerne gesund und regional ernähren möchten, dass sie die Vielfalt der Landschaft schätzen und dass ihnen eine bäuerliche Landwirtschaft, das Tierwohl und die Vielfalt regionaler Produkte schätzen. Und wir wissen auch, dass es bereits viele Initiativen gibt, die sich für eine regionale, gesunde und ökologisch verträgliche Ernährung einsetzen. Aber wir sind uns auch sicher, dass das Potenzial, dass sich durch eine Vernetzung, Zusammenarbeit und Bündelung dieser Aktivitäten für die Stadt und die Region ergeben kann, bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Wir glauben auch, dass alle BürgerInnen Ernährungsräte sind und sein können. Denn wir alle sind Experten und sollten die Möglichkeit haben, uns in die Gestaltung diese für das Leben und die Gesundheit so wichtige Bereich mit unseren Wünschen und unserer Expertise einzubringen.

Regionale Versorgung mit Lebensmitteln – geht das?

Für Hamburg und Berlin und München liegen Untersuchungen vor, die uns sagen können, ob es im Prinzip möglich ist, dass sich Städte in Deutschland überwiegend regional ernähren. Die Untersuchung der Regionalwert AG für Hamburg kommt zu dem Ergebnis, dass selbst für den Fall, dass man sich ausschließlich mit Lebensmitteln ernähren möchte, die nach den Kriterien für Bioprodukte gelten erzeugt würden, ist eine hundertprozentige Versorgung Hamburgs im Umkreis von 100 km möglich. Je nach Fleischkonsum liegt der Flächenbedarf für die Lebensmittelerzeugung pro Kopf in Deutschland zwischen 2000 und 3000 m2. 2000 m2 pro Kopf sind aus der Perspektive des ökologischen Fußabdruckes aber nur global fair. In Berlin liegt der Flächenverbrauch für die Ernährung derzeit pro Kopf bei ca. 2400 m2. Für München geht man davon aus, dass ein zwölffaches des Stadtgebietes benötigt wird, um die Stadt regional zu ernähren.

Die Regionalisierung der Nahrungsmittelversorgung von Städten setzt eine engere Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land voraus, eine stärkere Ausrichtung der Produzenten aus der Region auf den Bedarf der Städte und Bewohner, die sich ihrerseits solidarischer verhalten, und bereit sind gute Produkte mit ihrem Ess- und Einkaufsverhalten zu belohnen.

Dies alles ist kein „naturwüchsiger Prozess“. Er kann und muss – damit er gelingt - von den Kommunen, Bürgern und Bürgerinnen, Organisationen und Unternehmen geplant, gefördert und ganz bewusst gelebt werden.

Immer mehr Städte in Deutschland gehen, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen, diesen Weg.

Ernährungsräte in Deutschland (Beispiele)

Köln
Der Ernährungsrat Köln wurde im März 2016 offiziell als erster Ernährungsrat in Deutschland gegründet. Bei seiner Arbeit stehen konkrete Themenfelder in Vordergrund: regionale Direktvermarktung, Ernährungsbildung und Schulverpflegung, Veranstaltungen zu dem Thema “Ernährung“ und Zukunft der Lebensmittelproduktion in der Stadt. Ziel ist es Erzeugern, Verarbeitern, Händlern, Schulen und Bürgergesellschaft zu vernetzen. Den Stadt-BürgerInnen in Köln soll der Zugang zu regionalen Lebensmitteln erleichtert werden. Umgekehrt sollen die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe im Umland Kölns wieder bessere Absatzmöglichkeiten in der Stadt erhalten. Letzen Juli hat die Stadt beschlossen den Ernährungsrat auch die nächsten drei Jahre nicht nur ideell sondern auch finanziell zu unterstützen.

www.ernährungsrat-köln.de

Berlin
In Berlin gibt es sowohl von Seiten der Landesregierung als auch von Seiten der BürgerInnen Aktionen, die die regionale und gesunde Ernährung des Metropolraums stärken sollen. Die Stadt selber hat 2015 einen Rat für gutes Essen gegründet, und das Thema Ernährung als Politikfeld definiert. Die Senatsverwaltung sieht sich als Initiator, die einen Rahmen geschaffen hat. Den Rahmen soll das Forum jetzt selbstständig füllen. In seiner Organisationsform ist das Forum eine Nicht-Regierungsorganisation mit engen Verknüpfungen zur Senatsverwaltung. Die Mitglieder sind zum überwiegenden Teil Funktionäre von Verbänden und Institutionen. Die Projektsteuerung hat die Stiftung Zukunft Berlin Stiftung übernommen. Es wurde 2016 drei inhaltliche Schwerpunkte definiert: 1. Erzeugung, Verteilung und Vermarktung guter Lebensmittel. 2. Öffentliche Beschaffung und Bildung für gutes Essen. 3. Esskultur und soziale Verantwortung

2017 wurde dann ein von der Zivilgesellschaft getragener Ernährungsrat Berlin gegründet. Folgend Projektgruppen wurden inzwischen gebildet: LebensMittelPunkte mit Kiezküchen

  • Bildung geht durch den Magen

  • Gemeinschaftsverpflegung

  • Essbare Stadt: Neue Flächennutzungskonzepte

  • Stadt-Land-Beziehung Berlin-Brandenburg

  • Mitsprache in der Agrarpolitik – Berlin ist keine Insel

http://ernaehrungsrat-berlin.de/

Hamburg
Nach einem längeren Beratungsprozess wurde in Hamburg 2017 ein Ernährungsrat gegründet, der aber derzeit noch nicht entschieden hat, welche Organisationsform er sich geben wird. Trotz einer umfangreichen Infrastruktur an stadtnahen Produzenten und Biohöfen und vielen Akteuren in den Bereichen Solidarische Landwirtschaft oder „grüne Kisten“ hatte sich Hamburg in der Vergangenheit nicht explizit mit Fragen der Städteversorgung oder Regionalität auseinandergesetzt.

www.ernährungsrat-hamburg.de

München
Nach einem längeren Beratungsprozess an dem über 60 Organisationen beteiligt waren, wurde im letzten Oktober in München die Gründung eines Ernährungsrates für München beschlossen. Die Rahmenbedingungen in München sind sehr spezifisch, weil die Stadt München sich bereits sehr aktiv für eine Stärkung der Regionalversorgung und als Biostadt München einsetzt. Die Bürger und die Stadt sind sich einig, dass sie gemeinsam die Ziele einer möglichst umfangreichen Versorgung mit ökologische Lebensmittel aus dem regionalen Umfeld in Kitas, in der Schulverpflegung sowie in städtischen Kantinen verfolgen. Private Vereine und Indikativen verstärken das Umweltbewusstsein in der Stadt.

November 2017: Bundesweites Netzwerk in Essen gegründet

Last but not Least: Unter dem Motto „Ernährungsdemokratie jetzt!“ wurde im November in Essen ein Netzwerk von mehr als 40 Ernährungsräten und Ernährungsrats-Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum gegründet.

Auf dem ersten Kongress der Ernährungsräte trafen sich am Wochenende in Essen Engagierte aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol. Ihr Ziel: Sie wollen demokratische Ernährungssysteme in den Kommunen aufbauen. Ernährungsräte sind meist aus der Zivilgesellschaft gegründete, beratende Gremien der Städte. Sie stellen den Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Landwirten, Händlern, Verbrauchern und Gastronomen her, um die Lebensmittelversorgung in den Städten zukunftsfähig und gerecht zu gestalten. Die ersten Ernährungsräte in Deutschland wurden 2016 in Berlin und Köln gegründet. Dieses Jahr kamen Frankfurt am Main, das Saarland, Dresden und Oldenburg dazu. Auch in Oberösterreich, Zürich und Südtirol gibt es Ernährungsräte, viele weitere stehen in Gründung.

Als gemeinsames Ziel der Ernährungsräte wurden identifiziert: Die Lebensmittelversorgung in den Städten transparent zu machen, lokale Erzeuger zu stärken und Lebensmittel aus dem Umland direkt in die Städte zu bringen. Kleinbäuerliche Betriebe sollen tragfähige Einkommensperspektiven erhalten und faire, vielfältigere Marktstrukturen aufgebaut werden.

Weniger…

Pressekonferenz am 15. Januar 2018

Am 15. Januar 2018 hat der Initiativkreis Ernährung Kiel, zu dem auch die NaturFreunde gehören, eine Pressekonferenz veranstaltet. Hierbei wurden die Gründe und die jeweilige persönliche Motivation der Initiatoren für eine Ernährungswende und "Essbare Städte" dargestellt.

Die Initiatoren sind (von links): Nele Marquart (Studentin Agrarwissenschaften und SoLawi), Ernst Schuster/ Die Nordbauern), Nicoline Henkel (Stadt Kiel), Anja Rolf (SoLawi und Imkerin), Dr. Ina Walenda (NaturFreunde S-H), Marie Delapierre (Inhaberin "Unverpackt") & CHristine Ax (Schriftstellerin und Umwelt-Aktivistin)

Artikel in den Kieler Nachrichten

Artikel Im Kieler Express

Aktuelles und Termine unter www.ernährungsrat-kiel.de

Für Rückfragen: Dr. Ina Walenda, mobil 0176 2050811